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Jetzt erst recht! - Freiheit für Journalisten in der Türkei

Jetzt erst recht! - Freiheit für Journalisten in der Türkei

Memet Kilic von den Grünen und Kemal Calik vom Bund türkischer Journalisten in Europa diskutierten unter der Leitung von Arndt Knödel bei der Solidaritätsveranstaltung der dju Baden-Württemberg Sabine Hebbelmann Solidaritätsveranstaltung Türkei  – Memet Kilic von den Grünen und Kemal Calik vom Bund türkischer Journalisten in Europa diskutierten unter der Leitung von Arndt Knödel bei der Solidaritätsveranstaltung der dju Baden-Württemberg

Deniz Yücel gilt längst als Symbolfigur für den Umgang der Türkei mit Presse- und Meinungsfreiheit. Seine Freilassung ist ein Erfolg und wird zu Recht gefeiert. 
Doch auch wenn Yücel draußen ist, 149 Journalisten sitzen weiterhin in Haft. Für die deutsche Journalistin Meşale Tolu ist die Türkei ein großes Gefängnis. Sie gilt weiterhin als Erdogans Geisel und darf nicht ausreisen. Dies veranlasste die dju Rhein-Neckar an ihrer vor dem Jahrestag der Inhaftierung Yücels geplanten Solidaritätsveranstaltung festzuhalten. Ihr Motto: Jetzt erst recht!

Nach der Begrüßung durch die Leiterin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg Jagoda Marinic übernahm das Vorstandsteam der dju Rhein-Neckar. Rolf Gramm präsentierte die Aktion, Sabine Hebbelmann stellte die Bündnispartner vor und Arndt Krödel führte in das Thema ein. Mit einer künstlerischen Lesung vermittelten Florian Kaiser, Markus Schultz, und Jennifer Münch vom Theater Carnivore Heidelberg ein lebendiges Bild von der Situation in der Türkei und der Arbeit Yücels. Hier die ausgewählten Texte:

- “Sie haben nichts anderes getan als ihren Job”: Ahmet Sik, Zehra Dogan und Sahin Alpay – drei Porträts von Inhaftierten aus “Spiegel online”
- “Du ergreifst Partei, so oder so”: Deniz Yücel über die Arbeit von Journalisten in der Türkei (“Welt” vom 10.6.15)
- “Super, Deutschland schafft sich ab”: Deniz Yücels umstrittene (satirische) Kolumne über den Geburtenschwund in Deutschland (taz, 4.8.11)
- “Ja, es gab interne Hinrichtungen”: Das Interview Yücels, das ihm den Vorwurf von “Terrorpropaganda” und “Volksverhetzung” einbrachte – und ein Jahr im Gefängnis (“Welt”, 23.8.15).
Es folgten Impulsreferate von Memet Kilic (Grüne) und Kemal Calik (Bund türkischer Journalisten in Europa).

Für den in der Türkei geborenen Anwalt und Politiker Memet Kilic ist der Fall klar: Einjährige Haft ohne Anklage ist eine klare Menschenrechtsverletzung. Die Anklage fordert 18 Jahren Haft , dennoch wird Yücel – und das sei die große Überraschung – plötzlich ohne Auflagen frei gelassen. „Alle rechtstaatlichen Verfahren sind außer Kraft“, stellt Kilic fest und spricht von einem Feigenblatt für deutsch-türkische Geschäfte. Frei denkende Menschen werden inzwischen auch in Deutschland bedroht, weiß Kilic. Die Deutsche Politik müsse gegen türkische Spione vorgehen und der Europarat aktiver werden.

Für Recherchen gäbe es in der Türkei genügend Themen, sagte Kemal Calik vom Bund türkischer Journalisten in Europa. Doch viele Medienhäuser, Zeitungen und TV-Sender wurden geschlossen, 10 000 Journalisten sind arbeitslos. Medienhäuser sollten sich hinter türkische Kollegen stellen, zivilgesellschaftliche Organisationen auf beiden Seiten sollten sich vernetzen und abstimmen.

Arndt Krödel moderierte zusammen mit Herbert Rabl (beide dju Rhein-Neckar) die Diskussion mit Publikum und Referenten. Neben der Rhein-Neckar-Zeitung und dem SWR2 war auch die Welt Heimat, eine deutsch-türkische Zeitung vertreten. 

Einen Monat zuvor hatte die dju Rhein-Neckar Politiker, Initiativen und Verbände der Region angeschrieben - viele waren dem Aktionsbündnis beigetreten. Eine Resolution an die Bundesregierung wurde schließlich - auch im Namen des Bündnisses - einstimmig verabschiedet.

 (heb)