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Spielfeld für engagierte Amateure

Spielfeld für engagierte Amateure

Musikredakteur Markus Ruckdeschl vom Bermudafunk Sabine Hebbelmann Musikredakteur Markus Ruckdeschl vom Bermudafunk

Beim bermuda.funk in Mannheim kann Jede*r einen eigenen Sendeplatz bekommen

„On Air“ steht auf der Leuchte über der Tür zum Studio 2. Dahinter senden Anhänger des VfR Mannheim gerade aktuelle Clubinfos. Kollegen von der deutschen journalistinnen und journalisten union in ver.di (dju), Ortsgruppe Rhein-Neckar, sind zu Gast beim bermuda.funk in Mannheim, informieren sich über das außergewöhnliche Medienprojekt.

Der Verein Freies Radio Rhein-Neckar e.V. ist in der Alten Feuerwache Mannheim untergebracht. Wie das Bermudadreieck - so legt der Name nahe - ist der bermuda.funk ein Kraftfeld besonderer Art im Rhein-Neckar-Delta. Hier engagiert sich auch der freiberufliche Dozent, Autor und Journalist Friedhelm Schneidewind, ein langjähriges dju-Mitglied. Er leitet neben Einführungsworkshops für Radioneulinge auch Workshops zum Thema Urheberrecht und journalistische Recherche. Mit Eva Mayer und Christina Gehrlein, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Ausbildung, , informiert er über die Arbeit der Radiomacher*innen.

 Jede*r ist sein eigener Redakteur und Moderator und so vielfältig die Vorlieben, so bunt gefächert ist auch das Programm. Einen eigenen Sendeplatz bekommt, wer an einem zweitägigen Einführungsworkshop teilnimmt und mit einem passenden Konzept die Gesamtredaktion überzeugt. Der Verein ist basisdemokratisch organisiert, jedes Mitglied hat eine Stimme und entscheidet gleichberechtigt mit.

Der bermuda.funk kooperiert und teilt sich die Frequenz mit Radioaktiv, dem Hochschulradio der Universitäten Mannheim und Heidelberg. Er hat über 300 Mitglieder, von denen knapp die Hälfte sendet. Jeder Redakteur hat seinen Platz im Sendeplan und haftet für seine eigene Sendung. Einige Mitglieder haben sich zu Fachredaktionen zusammengetan wie der Kulturredaktion, die auch Lesungen und Konzerte organisiert.

2016 startete ein Projekt mit Geflüchteten, das vom Wissenschaftsministerium gefördert wird. Mit Laptop und zwei Aufnahmegeräten gehen die Mitglieder raus in die Unterkünfte. Jeden Dienstag zwischen 14 und 17 Uhr findet im Wild West e.V. in der Mannheimer Neckarstadt ein Refugee Radio-Café statt.

Für nicht regelmäßig oder einmalig arbeitende Gruppen oder Einzelpersonen stehen offene Sendeplätze zur Verfügung. Für sie ist samstags und sonntags der „frei.raum“ reserviert.

Werktags am späten Nachmittag sendet regelmäßig das regionale Infomagazin „Sonar“. Es gibt Spartensendungen wie die bermuda.funk Clubnight oder die Sendung „Jazzology“ und echte Klassiker wie „It’s Elvis Time“, eine Sendung von einem Elvis Fan für Elvis Fans, die gerade in der 178. Ausgabe über den Äther ging und auf der ganzen Welt Anhänger hat.

Viele Sendungen sprechen ihre eigene Community an, der SV Waldhof mit einer eigenen Sendung ebenso wie Afrika live, ein Format, das in französischer Sprache sendet, oder der „Feministische Kampf Trupp“ FKT, der live improvisierend zur Höchstform aufläuft. Rund die Hälfte der Beiträge sind Livesendungen. „Hier sind auch Pannen erlaubt“, sagt Mayer.

Die neun Freien Radios im Ländle werden von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg gefördert. Laut den bermuda.funker*innen erhalten sie aber nur einen so kleinen Bruchteil der GEZ-Gebühren wie er in etwa den Kosten einer Tatortfolge entspricht. Sie dürfen und müssen auch keine Werbung machen. Um Störungen benachbarter Sender zu vermeiden, wurde dem bermuda.funk nur eine geringe Wattzahl an Sendeleistung zugestanden. „Wir sind nicht das Lieblingskind der Landesmedienanstalt, da sitzen die anderen am längeren Hebel“, stellt Schneidewind fest. Beargwöhnt werde, dass sich die freien Radios in ihren Redaktionsstatuten zu einer progressiven und emanzipatorischen Haltung verpflichten.

Die Stadt Mannheim stellt die Räume in der Alten Feuerwache, die Studios wurden in Eigenleistung eingerichtet und ausgestattet. Die Sendungen werden vom Mannheimer Studio aus über Telefonleitungen zur Telekom geschickt, von wo sie an die entsprechenden Sendeantennen weitergeleitet werden. Der Verein sendet mit 50 Watt auf der 105,4 Megahertz (MHz) über den Sendemast auf dem Königsstuhl in Heidelberg und mit 100 Watt auf der 89,6 MHz über den Sendemast auf einem Silo in Mannheim-Neckarstadt im UKW-Bereich. Andere Radioanstalten senden mit der zehnfachen Wattzahl – kein Wunder, dass das kleine Radio nicht überall und jederzeit gut zu empfangen ist.

 Aber inzwischen kann man ja auch über das Internet Radio hören. Die informative Homepage bietet außer dem Livestream auch einen guten Überblick über den Sender und sein Programm. Ein Podcast steht kurz vor der technischen Umsetzung.

Das Licht über der Tür geht aus. Die Sendezeit für die VfR Mannheim-Fans ist zu Ende. Ans Pult setzt sich nun Musikredakteur Markus Ruckdeschel und dreht für „bermuda.music“ die Regler hoch.

 Sabine Hebbelmann