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Gemeinnütziger Journalismus

Gemeinnütziger Journalismus

Neues Standbein der Pressefreiheit?

Es ist schon die dritte Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg mit den Regionalgruppen der Journalist:innengewerkschaften dju Rhein-Neckar und DJV Baden-Württemberg zum Thema Pressefreiheit. Als Stellvertretender Landesvorsitzender begrüßt Rolf Gramm in der Bibliothek des DAI Heidelberg ein interessiertes Publikum und freut sich, „dass wir dieses Mal nicht über Einschränkungen, sondern über eine neue Chance reden“. Die scheint auch dringend nötig, denn die die Bestandsaufnahme fällt eher düster aus: Marktmacht der Internetgiganten, Medienkonzentration und Ausdünnung, anhaltende Auflagenverluste und wenig Recherche-Potenzial – vor allem im Lokalen. Die Nachfrage nach unabhängiger Information aber bleibt. Finanziert durch die eigene Community gründen Journalistinnen und Journalisten lokale Online-Zeitungen, Stadtteilblogs, Magazine oder Recherchebüros. Losgelöst von Profitzwang besinnt sich gemeinnütziger Journalismus auf seine gesellschaftliche Funktion und orientiert sich am Gemeinwohl. Laut Gramm, der sich seit langem auch in der dju Rhein-Neckar engagiert, könne gemeinnütziger Journalismus neben gewinnorientiertem und öffentlich-rechtlichem eine dritte Säule für Pressefreiheit und Medienvielfalt bilden. Zumal die „Ampel“ im Koalitionsvertrag verspricht, Rechtssicherheit zu schaffen. Vier gemeinnützige Journalismus-Initiativen sind zu Gast und berichten über ihre Erfahrungen.

 Vernetzte Recherchen und Medienpädagogik

Der investigative Journalist David Schraven sucht in der Krise des klassischen Journalismus nach neuen Wegen und engagiert sich im „Forum Gemeinnütziger Journalismus“. 2014 gründete er das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV, das sich mit einem vielseitigen Ansatz schnell etablierte und zahlreiche Preise einheimste. In schönstem Ruhrdeutsch erzählt der Bottroper über das Projekt und seine Beweggründe. Sein Ansatz: auf Leute zugehen, andere an Recherchen beteiligen, Wissen weitergeben und Menschen erreichen, die sich von klassischem Journalismus nicht angesprochen fühlen. Vorbild ist das Center for Investigative Reporting (CIR), das 1977 als gemeinnützige Organisation in Kalifornien gegründet wurde. „Sie haben Journalismus als Bildung begriffen, Schulbücher und RAP-Songs gemacht“, erzählt der Journalist. Im Ruhrgebiet gebe es in Grundschulen 80 bis 90 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund. „Wenn die nicht zu Demokraten werden, haben wir verloren“, so Schraven. Bei einer Recherche über einen Apothekenskandal in Bottrop mietete CORRECTIV ein Ladenlokal in direkter Nähe an. Betroffene Kund:innen kamen vorbei und erzählten ihre Geschichte.

Journalismus ist gemeinnützig

In Regionen, in denen es sich wirtschaftlich nicht lohnt, wo Lokalredaktionen schließen und die Presselandschaft verödet, gerate auch die Demokratie unter Druck. „Sobald Journalismus endet, wächst alles was schlecht ist. Er ist überlebenswichtig für ein Land wie Deutschland“, betont Schraven. Die dritte Säule brauche Platz, sagt er und fordert die Ergänzung der Abgabenordnung. Journalismus müsse in den Paragrafen 52 „Gemeinnützige Zwecke“ aufgenommen und „so unterstützenswerten Dingen wie Modellflug und Schach gleichgestellt werden“.

Ein weiterer bedeutender Vorreiter des gemeinnützigen Journalismus findet sich in Baden-Württemberg. Die als einseitig wahrgenommene Berichterstattung über das Bahnprojekt Stuttgart21 führte 2011 zur Gründung des Vereins KONTEXT. Der kritische Blick gilt längst auch anderen Themen. Redakteurin Gesa von Leesen empfiehlt, gleich mittwochs die aktuelle Ausgabe der online erscheinenden „Kontext:Wochenzeitung“ zu klicken – der Zugang ist gratis. Ein Teil der Ausgabe erscheint am folgenden Samstag auch in der gedruckten taz. In Berlin lebten viele Schwaben, nicht wenige taz-Genoss:innen stammten aus BaWü, erläutert sie. Der Verein lebe von Spenden und Idealismus. „Die Solidarität hält auch nach elf Jahren an“, freut sich von Leesen. Dass für die Anerkennung der Gemeinnützigkeit nur die Bildungsveranstaltungen des Vereins zählen, nervt sie.

Mit anderen freien Journalist:innen aus Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen hat Sarah Weik den Verein bloq gegründet. Die erste Auflage des gleichnamigen Magazins ist im Herbst erschienen. In Tageszeitungen fehle der Platz, auch mal Hintergründe, Zusammenhänge oder eine komplett andere Perspektive vorzustellen. Sie nennt als Vorbild das Stadtmagazin „meier“ (1986 – 2012), das eine Lücke hinterlassen habe. Dem Thema Gentrifizierung in der Neckarstadt hat sie sich mit Manuel Schülke vom Neckarstadtblog angenommen. „Wir wollen lokalen Themen einen optischen Auftritt verschaffen – und bloq sieht verdammt gut aus“, sagt sie. Die Druckkosten werden über Crowdfunding finanziert, der Rest wird bisher noch ehrenamtlich geleistet.

 Nik Volz und Moritz Schneider haben mit weiteren Gesellschafter:innen die „Initiative karla Magazin, Neuer Journalismus für Konstanz“ gegründet. Dass ihr Crowdfunding so erfolgreich war, führen sie auf einen „Mangel an Medienvielfalt und guter Berichterstattung“ in Konstanz zurück. Für das neue Online-Stadtmagazin wollen sie ihre Community einbeziehen und Fokusthemen aus verschiedenen Perspektiven aufmachen. „Wir möchten Menschen wieder in Dialog bringen und Mitsprache ermöglichen“, sagt Schneider. Auch bei „karla“ stellte sich die Frage: Wie schafft man es, sich nicht selbst auszubeuten? Die Gemeinnützigkeit habe „viel Drive“ gebracht.

Fragen und Zuspruch aus dem Publikum

In der von Herbert Rabl moderierten Diskussion kommt auch Ralph Kühnl vom Rhein-Neckar-Fernsehen (RNF) zu Wort. Sein Ansatz sei ähnlich, sagt er. Auch er sieht Medienbildung als starke Säule für die Förderung des demokratischen Staatswesens. Die Kontrollfunktion der „vierten Gewalt“ sei nötiger denn je, bemerkt Oliver Rack, Mitglied des Arbeitskreises Open Government Partnership Deutschland und Sachverständiger in der Enquetekommission „Krisenfeste Gesellschaft“ des Landtags. Er fragt nach Rücklagen für Prozesskosten und Sicherheit im Konfliktfall.

Für CORRECTIV sei Rechtsberatung ein laufender Posten im Finanzplan, die Rechercheplattform bringe es bis dato auf 230 Prozesse, berichtet Schraven. Beim Thema Finanzierung empfiehlt er verschiedene Quellen und die Einbeziehung der Bürger:innen. Die zahlreichen Stiftungen im Land böten für gemeinnützigen Journalismus ein noch kaum erschlossenes Potenzial. Gerade Bürgerstiftungen vor Ort repräsentierten die Stadtgesellschaft und könnten bei kleinen Initiativen Lücken füllen.

Beim Schlusswort zeigt sich Rolf Gramm hochzufrieden: „Eine unglaublich spannende Veranstaltung, ich habe viel gelernt.“ (Text: Sabine Hebbelmann / Foto: Manuel Schülke)

Podiumsdiskussion gemeinnütziger Journalismus Manuel Schülke Das Podium der Veranstaltung