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"Freie" kämpfen gegen Einkommensverlust

"Freie" kämpfen gegen Einkommensverlust

3.7.2018

"Freie Mitarbeiter für die Lokalredaktion der Eßlinger Zeitung gesucht". Eigentlich eine ganz alltägliche Zeitungsanzeige - allerdings mit einem ungewöhnlichen Zeitpunkt. Denn die Annonce rückte die Leitung der Eßlinger Zeitung just zu dem Zeitpunkt ins Blatt, an dem die freien Journalisten der zum SWMH-Konzern gehörenden Lokalzeitung im Solidaritätsstreik mit den fest angestellten Redakteuren waren. Das Signal des Unternehmens ist eindeutig: "Freie" die zu streiken wagen, werden mit Auftragsentzug und damit Einkommensverlust bedroht.

Den Einkommensverlust aber haben die freien Mitarbeiter der Eßlinger Zeitung bereits. Galt unter früheren Chefredakteuren die Devise, dass die Honorarsätze der Zeitung in dem Maß erhöht werden, wie die Gehälter der fest angestellten Redakteure steigen, gibt es seit 8 Jahren keine Erhöhung der Zeilen- und Fotohonorare mehr. Damals hatten die "Freien" gegenüber dem Verlag die Anwendung der gemeinsamen Vergütungsregeln für freie Journalisten an Tageszeitungen durchgesetzt, die der Verlegerverband inzwischen gekündigt hat.

Aber nicht nur die ausbleibende Honorarerhöhung macht den freien Journalisten in Esslingen zu schaffen. Seit Jahresbeginn gibt es auch ein neues Zeitungslayout mit längeren Zeilen und kürzeren Artikeln. Das bedeutet für die freien Mitarbeiter, dass sie pro Termin für die gleich Arbeit weniger verdienen.

Darüber informierten die freien Journalisten die Leserinnen und Leser der Eßlinger Zeitung in einem Flugblatt der deutschen journalistinnen und journalisten union (dju in ver.di). In dem Flugblatt wiesen sie darauf hin, dass etwa die Hälfte aller örtlichen Artikel in der Eßlinger Zeitung von ihnen geschrieben und recherchiert wird. Und sie stellten an den Verlag die Forderung, künftig 78 Cent pro Zeile statt aktuell 62 Cent zu zahlen.

Und weil es um Geld ging, traten die freien Journalisten der Eßlinger Zeitung auch in den Solidaritätsstreik zur Unterstützung ihrer fest angestellten Kollegen bei deren Kampf um höhere Gehälter. Einer der "Freien" aus Esslingen, Peter Dietrich, schilderte die Situation dann auch bei der zentralen Streikkundgebung für Baden-Württemberg am 29. Juni in Heilbronn - bei heftigem Applaus der Redakteurinnen und Redakteure, die aus dem ganzen Land angereist waren und täglich mit den freien Mitarbeitern ihrer Zeitungen zusammenarbeiten.

Übrigens: die "Freien" hatten in zwei Gesprächen mit Verlagsleitung und Chefredaktion versucht, eine friedliche Einigung mit ihrem Auftraggeber Eßlinger Zeitung zu erzielen. Aber Verlagsleiter Heinkel bezeichnete die Einkommensverluste wegen der längeren Zeilen zynisch als "Kollateralschaden" der Lay-Out-Umstellung.

Das Flugblatt der freien Journalisen aus Esslingen und die Zeitungsanzeige des Verlages ver.di Das Flugblatt der Esslinger "Freien" und die Eigenanzeige des Verlags